Interview mit Philipp - Co-Founder von PT

Samstagmorgen. Der goldene Oktober steht vor der Tür, und während vor dem einen Fenster auch endgültig die letzten Blätter von den Ästen geweht werden und auf das Kopfsteinpflaster fallen, streiten sich vor dem anderen Fenster ein paar Seemöwen über die Reste in einer roten Chipstüte im Lunchboxformat. 

Geht es bei dir in 25 Minuten? Ich bin startklar.

Die Verbindung stimmt, das Klingeln ertönt und Mikrofone werden auf die richtige Lautstärke eingestellt; nur das mit der Kamera scheint nicht ganz zu klappen. Was soll’s, dann eben ohne.

Philipp, es macht keinen Unterschied, ob man mit dir an einem Montagmorgen oder einem Sonntagabend spricht, du bist immer voller Tatendrang und Energie – wie kommt es, dass deine Motivation keine schlechten Tage kennt?

Ja, das ist eine gute Frage, warum mache ich das alles…nun gut. Ich habe für mich erkannt, oder sagen wir, ich bin davon überzeugt, dass die Gesellschaft nur unter einer Voraussetzung besser werden kann: nämlich wenn großes Engagement besteht. Wenn ich einen Sinn hinter einer Sache erkenne, und mich für diesen Sinn engagiere, dann stellt sich für mich niemals die Frage – ist es gut, was ich gerade mache? Hat meine Arbeit denn überhaupt eine Wirkung? Dann ist mein Mitwirken vielmehr eine dauernde Bestätigung. Daher kommen diese tiefe innere Motivation und diese unermüdliche Energie. 

Du arbeitest im Moment mit einem zwölfköpfigen Team zusammen, welches sich über die letzten zwei Jahre hinweg zusammengefunden hat. Spielt gegenseitige Motivation dort eine große Rolle?

Sicherlich, in unserem Team besteht ein unglaublicher Zusammenhalt. Wenn man alleine an einer Sache arbeitet, dann verliert man leicht den Mut und beginnt zu zweifeln. Aber wenn man eine Willenskraft von, sagen wir, elf Leuten im Rücken weiß, die alle für die gleiche Sache brennen, wenn du diese Überzeugung spürst und merkst, dass du in deinem Tun, Handeln, und Denken nicht alleine bist, dann hat das einen sehr großen, sehr positiven Effekt. Und gleichzeitig ist das eine weitere Bestätigung, dass etwas Wahres dahinter stecken muss. 

Was bringt dich wieder nach oben, wenn du einmal über einen Stein stolperst?

Nehmen wir ein Beispiel – sagen wir, uns wurde ein Vortrag abgesagt. Sagen wir, wir hatten uns sehr gewünscht, diesen Vortrag zu halten und bereits Hoffnung und Energie in dieses Projekt gesteckt. Natürlich ist die Absage zuerst ein Misserfolg, aber sobald sie eingeht, liegt der Fokus schon wieder auf etwas Anderem, auf etwas Neuem, das funktionieren wird. Ein Rückschlag hat bei unserem Projekt niemals massive Auswirkungen. Das Projekt ist jung, wir versuchen etwas aufzubauen, und da gibt es keine herben Verluste. Vielmehr verlegt sich der Fokus: klappt es hier nicht, dann klappt es eben dort. Wir setzen in diesem Spiel nicht alles auf eine Karte. Es kann also nichts passieren, was uns zerstören oder an etwas hindern könnte. 

Gehen wir zurück zu dem Moment, als vom Setzen auf eine Karte noch nicht einmal die Rede sein konnte. Alles begann 2012 auf der Insel…

Richtig, das war während meines England-Aufenthaltes 2012. Dort startete ich gemeinsam mit Ebrahim die Syrienkampagne und die Wirkung davon war umwerfend. Damit hätten wir beide niemals gerechnet - was in einem kleinen Café begonnen hatte, gelangte bis zur Downing Street 10. 

Ich habe damals gedacht: wenn das mit Ebrahim einen solchen Lauf nehmen kann, dann muss das auch bei vielen anderen Menschen möglich sein. 

Und dann kamst du wieder zurück nach Deutschland…

Richtig, ich kam zurück mit dieser Idee. Damals hatte ich noch nicht die geringste Ahnung wie genau wir arbeiten sollten, wie wir die Zahl an erreichten Menschen auf Tausend, Hunderttausend oder Millionen steigern könnten. Aber nach dem Projekt mit Ebrahim war mir klar, ich wollte Menschen davon überzeugen, ihre Ideen umzusetzen. 

Und zwar möglichst viele Menschen, daher die Idee, das alles online zu machen. Ich wollte Menschen verbinden, die sich normalerweise nie getroffen hätten, ich wollte, dass sie aus dieser Verbindung heraus etwas bewegen können. 

Das Projekt mit Ebrahim damals illustriert die heutige Idee von PT sehr gut. Die Begegnung damals hat etwas geschaffen, sie hat ihn und mich dazu gebracht, etwas zu tun, was wir alleine niemals getan hätten. Es war also eine Art Musterbeispiel für das, was passiert, wenn man Menschen zusammenbringt: denn so kann man gemeinsam große Dinge tun. 

Bei ProjectTogether werden alle Projektgründer in wöchentlichen Calls begleitet. In gewisser Weise warst du nach deiner Rückkehr in der gleichen Situation. Wer hat dich wöchentlich angerufen und dich gecoacht?

Mein erster Coach in diesem Sinne war Michael Pirker. Als ich ihm damals von dem Syrienprojekt erzählt habe und vor allem von meiner Idee, mehr daraus zu machen, hat er das alles nicht als simple Spinnerei abgetan, sondern interessiert nachgefragt. Michael hat mir das Gefühl gegeben, dass das eine tolle Sache ist, an der ich dran bleiben sollte. Aber gleichzeitig hat er mich auch gefordert, er hat nicht losgelassen und alles immer kritisch hinterfragt. Das alles natürlich immer mit einer motivierenden und voranbringenden Einstellung und einer unglaublichen Bereitschaft, mir zuzuhören und mir zur Seite zu stehen. Woche für Woche – oder, wenn nötig, auch Tag für Tag. Das war sehr wertvoll. Daran habe ich erkannt: wenn sich jemand wirklich für das interessiert, was du gerade machst und nicht loslässt, fragt, fordert, interagiert und wirklich auch inhaltlich mitdenkt, dann ist diese Hilfe wirklich der größte Motor für die eigenen Ideen. Und das sehe ich immer wieder bei allen Projekten, die wir begleiten. 

Was ist der Unterschied zwischen dem ProjektTogether von damals aus der Downing Street und dem jetzigen ProjectTogether aus dem Büro in der Münchner Innenstadt?

Damals war es unser langfristiges und allgemeines Ziel, Menschen helfen zu wollen, ihre Ideen umzusetzen. Jetzt sind wir noch viel konkreter in der Nische der Projekte vertreten und oft der Katalysator, der die Menschen überhaupt erst dazu bringt, sich Gedanken zu machen und aktiv zu werden. Jeder, der einmal ein Projekt erfolgreich in die Hand genommen hat, der wird sich nicht mehr davon abbringen lassen. Der wird plötzlich aktiv handeln - und das zeigt, was für eine große Wirkung Projekte auf den Einzelnen haben können und durch ihn wiederum auf die gesamte Gesellschaft. 

Außerdem machen wir uns als Organisation auch viele inhaltliche Gedanken, wie wir gesellschaftlichem Engagement eine Stimme geben können, und wie Engagement aussehen muss, um große gesellschaftliche Probleme lösen zu können.
Das Ganze machen wir nicht im kleinen Rahmen, isoliert und nur auf uns bezogen, sondern wir versuchen, uns weltweit zu vernetzen. Da sehe ich uns bisher auf einem sehr guten Weg. 

Deine Idee von der Insel hat also wortwörtlich hier auf dem Festland Fuß gefasst…

Ja, so kann man das sagen. Das größte Wunder, um es mal so auszudrücken, bleibt für mich allerdings, wie diese Idee auch Andere begeistern konnte. Das Beeindruckendste, was ich gelernt habe in den letzten beiden Jahren, ist mitunter, wie ein Team funktioniert und vor allem, wie gut es funktionieren kann. Ich bin immer wieder begeistert davon, wie unglaublich harmonisch die Arbeit in unserem Team ist: immer auf das Thema und Ziel fokussiert, immer mit vollem Einsatz. Da bleiben jegliche negative Dinge ganz außen vor. 

In diesem Team ist ein so großes Commitment, so eine große Bereitschaft und ein so positives Sein – das alles illustriert irgendwie das Optimum unserer Vorstellung einer Gesellschaft. Es beweist, dass es durchaus funktionieren kann. 

 

Die Möwen auf der Straße haben die letzten Chipsreste aus der Tüte gepickt. Sie kreischen noch einmal laut auf, bevor sie ihre Flügel ausbreiten und davonfliegen. 

Der Samstagmoren ruft, ein weiterer Tag voller Tatendrang, unbändiger Energie und jeder Menge guter Ideen. 

 

 

 

 

Philipp von der Wippel

Munich City, Berg-Isel-Straße 15, Munich, Bavaria, Germany