Die SZ berichtet über Project together

Visionen statt Erfahrung

von Susanne Krause

Jahr: 2014, Woche: 27

Zuhören, Ziele abstecken, Dranbleiben: Philipp von der Wippel, 18, hat eine gemeinnützige Internetplattform entwickelt, die Menschen bei der Umsetzung ihrer Ideen unterstützt – Project Together

Am Anfang steht die Idee. Nur leider bleibt es oft dabei. Philipp von der Wippel, 18, hat jedoch selbst erfahren, wie weit es Ideen bringen können, wenn sie Wirklichkeit werden: bis zur 10 Downing Street. Nur wenige Monate, nachdem er bei seinem Auslandsaufenthalt mit Mitschülern eine Bewusstseinskampagne für das Leid in Syrien initiiert hat, weitet sich die Bewegung auf mehr als 300 Schulen aus, und: Die Macher werden von der britischen Regierung eingeladen, ihr Projekt vorzustellen.

Zu erleben, wie viel man gemeinsam erreichen kann, sei für ihn der Anstoß gewesen, mit der Entwicklung von „Project Together“ zu beginnen, erklärt Philipp. Während der Oberstufe entwickelt er das Konzept für eine gemeinnützige Internetplattform, die Menschen bei der Umsetzung ihrer Ideen unterstützt. Selbst erhält Philipps Idee wiederum Starthilfe von seinem Mentor Michael Pirker, einem Freund der Familie, der während einer beruflichen Auszeit das Projekt mitgründet. Getragen wird die Initiative heute von einem Dutzend Ehrenamtlichen im Alter zwischen 18 und 25. Einer von ihnen ist Alexander Bucher, 22. Der Elektrotechnik-Student kümmert sich um die Koordination der Projekte.

Auf seinem Computerbildschirm zeigt er, wie interessierte Projektgründer mit der Organisation Kontakt aufnehmen. Zunächst müssen sie anhand eines Fragebogens präzisieren, welche Idee sie verfolgen und was sie dafür benötigen. Das dient nicht nur dem Team von Project Together zur Einordnung der Anfrage, sondern soll bereits den Interessenten helfen, sich selbst ein klares Bild ihrer eigenen Idee zu machen. „Die meisten geben hier an, dass sie sich bereits nach dem Beantworten der Fragen zuversichtlicher fühlen, ihr Projekt umzusetzen“, sagt Projektkoordinator Alexander.

In den folgenden acht Wochen erhält der Mentee einmal pro Woche ein Telefoncoaching von einem ehrenamtlichen Mitarbeiter. Es gehe hier nicht um Beratung, betont Philipp, sondern darum, unterstützende Fragen zu stellen. Gemeinsam werden die Fortschritte der vergangenen Woche besprochen und Ziele für die nächste abgesteckt.

Zu den ersten Mentees des Projektes gehörte Arjan Stockhausen, 21. Der Kunststudent lernt Philipp vor eineinhalb Jahren kennen. „Damals war ich noch ganz am Anfang“, sagt Arjan. Im Gespräch mit Philipp habe er seine Idee erstmals konkret für jemand anderen formuliert: Er will eine Online-Plattform aufbauen, auf der sich junge Künstler vermarkten und vernetzen können. In zahllosen Telefonaten und E-Mails habe Philipp ihm geholfen, seine Vision zu strukturieren. Gerade in dieser Anfangsphase, in der man sich kaum traue, überhaupt über die Idee zu sprechen, seien ganz einfach Dinge eine große Hilfe, erklärt Arjan: Zuspruch zu finden, gemeinsam Ziele zu formulieren. „Ich weiß nicht, ob ich das Projekt sonst umgesetzt hätte“, sagt der Kunststudent. „Ideen sind etwas so Fragiles.“ Inzwischen hingegen ist aus der fragilen Idee ein konkretes Projekt geworden: Bereits rund hundert Künstler findet man auf der Plattform „Global Canvas“.

Zuhören, Ziele abstecken, Dranbleiben – so banal es klingt, was Project Together für die Projektgründer leistet: Psychologisch helfen sie ihnen dabei an einer der schwierigsten Hürden. Professor Dieter Frey, Lehrstuhlinhaber des Bereichs Sozialpsychologie an der LMU, bestätigt: „Fragen und Reflexionen, die von außen kommen, erhöhen die Erfolgswahrscheinlichkeit.“ Dass die ehrenamtlichen Mitarbeiter von Project Together mit ihren jungen Jahren nicht viel Erfahrung mitbrächten, sei dabei nicht zwingend problematisch, es gehe vielmehr darum, endlich mit der eigenen Idee das stille Kämmerlein zu verlassen. „Der Vorteil von Außenstehenden, die kritische Fragen stellen, ist, dass sie nicht betriebsblind sind. Es findet ein Zusatzdialog statt, der sehr oft unterbleibt, wenn man im eigenen Saft schmort“, erklärt der Sozialpsychologe. Deswegen würde er den Machern raten, an einem Konzept festzuhalten, bei dem man Feedback von realen Personen erhält.

Aber Project Together soll wachsen. Und zwar immens. Nach rund 80 betreuten Projekten – darunter sogar eines aus Afrika – denken die Macher bereits in ganz großen Dimensionen: 100 000 Ideen sind das nächste Ziel, so Philipp. Natürlich reicht hierfür eine Handvoll junger Menschen am Telefon nicht aus. Aber das Coaching, wie es jetzt noch betrieben wird, soll nicht mehr nötig sein, wenn die Plattform weiter ausgebaut ist. „Vieles wird dann automatisierter ablaufen, erklärt Alexander. Über die Zeit werde die Datenbank der Projekte anwachsen und damit auch ein breites Wissen darüber, welche Herangehensweise sich jeweils als zielführend herausgestellt hat, und wer an welchem Projekt beteiligt war. „Durch die vielen Informationen, die wir sammeln, können wir Menschen sehr effektiv zusammenbringen“, erklärt Philipp. Das Coaching wird dann im besten Fall von der Community, die bereits von Project Together profitiert hat, übernommen anstelle von einzelnen ehrenamtlichen Mitarbeitern.

Möglichst vielen Menschen zu ermöglichen, ihre Ideen umzusetzen, ist für Projektgründer Philipp in erster Linie eine politische Maßnahme für mehr Demokratie. „Wirkliche Veränderungen in der Gesellschaft entstehen, wenn einzelne Veränderungen wagen“, erklärt er – wie etwa ein paar 16-Jährige Schüler mit einer Initiative für Syrien.

Das politische Anliegen hinter Projekt Together ist unter anderem Anlass, es baldmöglichst in eine Stiftung zu überführen. Dabei soll jedoch nicht nur die Unabhängigkeit von externen Geldgebern, sondern auch von Gründer Philipp gewonnen werden. „Falls ich plötzlich überfahren werde, soll das Projekt auch ohne mich weiterbestehen“, erklärt der 18-Jährige die Vorkehrungen für sein Erbe. Etwas Nachhaken ergibt: Vielleicht auch für den Fall, dass es ihn nun nach dem Abitur in eine ganz andere Richtung verschlägt.

Philipp von der Wippel

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