Im Anpacken liegt die Veränderung - wie die Flüchtlingskrise ein neues Selbstverständnis von Engagement schaffen kann

Kein Thema beherrscht die Öffentlichkeit aktuell so sehr wie die Aufnahme von Geflüchteten in Europa und speziell in Deutschland. Inzwischen hat die Politik die Flüchtlingskrise zur Chefsache gemacht. Denn die letzten Wochen haben gezeigt, dass der ansteigende Flüchtlingsstrom kein einmaliges Vorkommnis gewesen sein wird, sondern eine langfristige Herausforderung ist. Nun setzt das Handeln der Politik ein: Sondergipfel finden statt und die Budgets für unmittelbare Hilfe werden mit Hochdruck durch die Parlamente gejagt. Doch wer hat es geschafft, eine humanitäre Katastrophe in den ersten Tagen der großen Flüchtlingswelle zu verhindern? 

Es waren die ehrenamtlichen Helfer. Es waren diejenigen Bürgerinnen und Bürger, die aus eigener Entscheidung sich zusammengetan haben und aus dem nichts heraus eine Erstaufnahme binnen wenigen Stunden auf die Beine gestellt haben: Erstversorgung mit Lebensmitteln, Kleidung und einem medizinischem Check. Am Hauptbahnhof in München raste die Zahl der ankommenden Geflüchteten in einer Nacht in die Höhe. Zeitgleich stieg die Zahl der Facebook-Posts immer weiter an, in denen Helfer nach mehr Sachspenden  und nach mehr Freiwilligen fragten. Mehr Brot, mehr Mäntel, mehr Hygieneartikel - an allen Ecken und Enden war zu wenig vorhanden. Doch die Facebook-Rufe verhallten nicht, sondern eine virtuelle Community verwandelte sich binnen weniger Stunden in eine reale Gemeinschaft. Viele entschieden sich dazu, ihre Facebook Timeline nicht weiter zu scrollen, sondern setzten sich in Bewegung. Manche kauften Supermärkte halb leer und schoben die Einkaufswagen in Richtung Bahnhof. Andere legten direkt eine Nachtschicht als Helfer ein. In diesen ersten Tagen des Flüchtlingsstroms hätte es allen Grund zur Überforderung der freiwilligen Helfer gegeben. 

Doch je mehr Flüchtlinge ankamen, desto größer wurde die Gruppe an Ehrenamtlichen und stärker der Zusammenhalt untereinander. Hilfsbereite Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen packten gemeinsam an. All die Unterschiede wie Herkunft, Religion oder politische Überzeugung, die gewöhnlich den einen vom anderen in unserer Gesellschaft voneinander trennen, waren nicht mehr vorhanden. Das gemeinsame Anpacken entwickelte ein Wir-Gefühl mit der Aussage, dass jeder mit seinen Fähigkeiten gebraucht wird. Ein mit mir befreundeter Sanitäter beantragte bei seinem Arbeitgeber prompt den gesamten Jahresurlaub, um bei der Erstaufnahme rund um die Uhr helfen zu können. Viele scheuten nicht davor zurück, persönliche Hürden auf sich zu nehmen, um helfen zu können. Dutzende Dolmetscher, selbst aus den betroffenen Krisenregionen stammend, waren rund um die Uhr präsent. Der starke Wunsch nach Engagement führte bei manchen Helfern so weit, dass sie nach Hause geschickt werden mussten, um nicht Nächte lang durchzuarbeiten. 

Aber woher kommt plötzlich der unbedingte Wille vieler Menschen, diese gesellschaftliche Herausforderung durch persönlichen Zeit- und Mitteleinsatz in den Griff zu bekommen? Wohin ist die ansonsten omnipräsente Politikverdrossenheit entschwunden? Was hat so viele freiwillige Helfer dazu gebracht, die üblichen hemmenden Gedanken beiseite zu schieben, wie zum Beispiel „Ist das meine Aufgabe? Warum soll ich das ausgerechnet tun? Bin ich dazu überhaupt befugt? Kann das die Politik nicht viel besser lösen?“ Woraus entstand das Gefühl der moralischen Pflicht, unaufgefordert aus Eigeninitiative heraus zum Hauptbahnhof zu gehen und beispielsweise selbst mitgebrachte Lebensmittel zu verteilen? Was ist an der Flüchtlingskrise anders als beispielsweise an der Euro-Krise, am NSA Skandal oder dem demographischen Wandel? 

Um sich diesen Fragen zu nähern, halte ich drei Aspekte für signifikant und hilfreich. Erstens erzeugt die Flüchtlingskrise ein gesteigertes Maß an Mitgefühl bei den Menschen. Geflüchtete Menschen ohne Hab und Gut berühren unseren menschlichen Kern. Dies ist zum Beispiel bei der großen Herausforderung des demographischen Wandels nicht der Fall. Dadurch dass wir - im wahrsten Sinne des Wortes - betroffen sind, entwickeln wir eine intrinsische Motivation für Engagement. Das Mitgefühl macht es vielen schwer, nur Zuschauer des Geschehens zu bleiben, sondern es führt zu Identifikation und drängt zum Handeln.

Zweitens führt die lokale Nähe der Krise zu einem größeren Verantwortungsgefühl. Indem die Szenen der ankommenden Flüchtlinge sich in den Hallen des eigenen Bahnhofs abspielen, zeigt sich die Krise in der Realität jedes einzelnen. Vielen Bürgern erscheinen oft politische Diskussionen ein fiktives Problem zu bearbeiten, das auf den Alltag des einzelnen vor Ort wenig Konsequenzen hat. Spätestens wenn wir merken, dass es auf den Klimawandel leider keinen Unterschied macht, ob wir die Tagesnachrichten verfolgen oder nicht, bestätigt sich das Gefühl der Ohnmacht. Wenn jedoch das Problem einen vor der eigenen Haustür konfrontiert, dann steigen die Optionen und die Bereitschaft zu handeln. 

Drittens ist es in der Flüchtlingskrise möglich, unmittelbar anzupacken und den Status Quo durch eigenes Zutun tatsächlich zu verändern. Binnen weniger Tage war es möglich, sich über Doodle-Listen online für Helferschichten einzutragen. Nichts als zwei Klicks, ein U-Bahn Ticket und ein paar Stunden Zeit ist nötig zum Helfen. Während die Bevölkerung sich in den meisten politischen Herausforderungen machtlos fühlt, hat sich in der Flüchtlingskrise innerhalb weniger Tage die Stimmung entwickelt, dass wirklich jeder die Situation ein wenig besser machen kann.

Wenn diese Aspekte den Unterschied machen, dass sich tausende Menschen aktuell für Flüchtlingen engagieren, dann kann dies auch in anderen Problemfeldern in der Zukunft dupliziert werden. Deshalb lasst uns die Chance nutzen, Mitgefühl, lokale Nähe und Mitgestaltungswille auch beim Klimawandel und bei vielen weiteren Problemen unserer Zeit zu erzeugen. Dies würde uns ein neues Selbstverständnis der Zivilgesellschaft geben und kann die Antwort auf Politikverdrossenheit sein. Ich habe ProjectTogether vor zwei Jahren für dieses Ziel ins Leben gerufen, weil eine Gesellschaft notwendig ist, die den Mut und den Willen hat jedes Problem anzupacken und zu gestalten. „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“, Erich Kästner.

- Philipp von der Wippel, Gründer ProjectTogether

 

Philipp von der Wippel

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